Wem gehört BLUESPOTS PRODUCTIONS?

Letztes Jahr kam es zum Zerwürfnis zwischen mir und BLUESPOTS PRODUCTIONS und lange Zeit dachte ich, dass das ein individueller Schmerz ist, durch den ich durch muss. Alleine und schweigend. Aber je weiter ich wieder sehen kann, desto mehr kann ich erkennen, dass da auch ein System dahinter ist und nicht nur ein Schicksal. Nicht nur mein Schicksal. Das gleiche ist Leif vom Theter Ensemble und Simson von der Green Belt widerfahren * Was ist passiert? 


Ich war letztes Jahr schwanger mit meinem zweiten Kind und es war keine leichte Schwangerschaft. Körperlich und psychisch ging es mir nicht gut. Trotzdem habe ich die Hutfabrik zu Ende gebracht, LichtMess geschrieben und mich um alle Belange des Ensembles so gut wie möglich gekümmert. Es wurde auch alles absehbar, da ich ab März/ April 2025 in Elternzeit gehen wollte und das Headquarter von BLUESPOTS verlassen würde, um die Elternzeit größtenteils in Dänemark zu verbringen. 

Im Januar 2025 hatte ich eine dreiwöchige Mutter-Kind-Kur mit meiner Tochter und mich sehr darauf gefreut, weil ich endlich mal Zeit haben wollte, ohne Druck und ohne funktionieren zu müssen, meine inneren Themen anzugehen. 

Als ich wieder kam, schrieb ich die kompletten Texte für LichtMess und half in der Regie und Leitung so gut ich konnte. Zu meiner großen Verwunderung wurde ich gefragt: ob ich vorhatte auch auf meine 500 Euro Aufwandsentschädigung (so viel zahlen wir uns im Headquarter für die Leitung von Bluespots monatlich aus) im Januar verzichten zu wollen. Ich sagte schnell und für mich klar: Nein, natürlich nicht. Ich hatte ja kein Einkommen in diesem Monat, war schwanger und rechnete mit dem Geld. 

Die anderen im Headquarter taten überrascht und kamen nochmal auf mich zu. Sie meinten, sie seien überrascht von meiner Reaktion, da ich im Januar ja nichts geleistet hätte. Ich war wiederum überrascht, dass das nochmal zur Sprache kam und meinte: Wir nennen uns ein feministisches, postkapitalistisches, gemeinnütziges und solidarisches Ensemble. Dann müssten wir ja unser Manifest umschreiben! sagte ich.

Und ohne dass ich es fassen konnte und es bis heute kaum in Worte fassen kann, was dann passiert ist, verhärtete sich alles. Die anderen blieben in ihrem Film, dass sie ja die Arbeit für mich mittragen mussten und dass ich eh (altes Lied) wie immer viel zu wenig Bürokratie-Anteile im Ensemble übernehmen würde und dass man sich das als gemeinnütziger Verein eben nicht leisten könne. 

In mir klaffte ein allzu bekanntes Gefühl auf: zu wenig Wertschätzung! Mein System geriet wie früher bei dem Thema erstmal in Panik und sicherlich war genau dieses Thema auch ein Grund überhaupt künstlerisch tätig zu werden, aber etwas anderes kickte auch ein. Eine Metaebene. Ich konnte das Gefühl annehmen, beobachten, besprechen und analysieren. Agieren hier verletzte innere Anteile oder war es einfach Scheiße was da passiert? 

Ich konnte erstmal nicht einfach so zurück zur Tagesordnung. Etwas in mir war gebrochen. Ich war schwanger, hatte ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit, Familie und Zugehörigkeit und plötzlich war mir mein Ensemble weggebrochen und meine einzige mögliche Einnahme für den Januar. 

Als Quittung bekam ich eine Liste mit all den Sachen, die ich noch abarbeiten sollte und welche Leistungen ich bis in den April hinein und hoch schwanger erbringen sollte, um mein Geld wert zu sein. Ich war verwirrt. Mir war ja klar, dass das Headquarter meinen zeitlichen Ausfall mittragen müsse, aber ist das nicht normal in einer solidarischen Haltung? Hätte ich dafür dankbarer sein müssen? Tatsächlich auf mein Geld verzichten? Ich frage. 

Nach ein paar Wochen schrieb ich, dass es mir den Kleinkrieg nicht wert sei und dass wir uns einfach bei 250 Euro treffen sollten, so dass beide Teile ihr Gesicht waren und ein Miteinander möglich ist. Dann kam länger nichts und zufällig am Tag der Geburt meines Sohnes kam die Mail, dass man das nicht wolle. 

Jede*r weiß, dass der Tag einer Geburt voller Liebe ist und diese Nachricht (und ich weiß dass sie nicht absichtlich an dem Tag kam, aber sie kam eben an dem Tag) war für mich die letzte Trennung. Was sollte ich an diesem Ort, an dem ich tatsächlich keine Wertschätzung und keinen Zusammenhalt erfahren habe, als ich am Verletzlichsten war. 

Lange schwieg ich. Beschämt. Unglücklich. Verletzt. Etwas mit Rachegefühlen geladen. Schlecht träumend. Verwirrt.  Ich versuchte zu platzieren, was mir passiert war. Ich war ja gewillt, das Ensemble loszulassen und zu gehen. Nur wollte ich gerne im März, bezahlt und mit Danksagungen gehen und nicht so. 

Das Thema wurde vom Headquarter nicht transparent mit dem Ensemble besprochen und nach ein paar Wochen beschloss ich, mich an das Ensemble selber zu wenden und mitzuteilen, warum ich mich gerade nicht mehr einbringe und dass es nicht einfach nur an der Geburt meines Kindes lag. Ich hatte keine Lust, in das Narrativ geschoben zu werden: Ach ja, Leonie ist halt weg, weil sie jetzt Kinder hat und viel in Dänemark ist und als sei nichts vorgefallen.

Ich schrieb eine interne Nachricht, bedankte mich bei allen für die gemeinsame Zeit und sagte, dass ich unter diesem “Wertekatalog” nicht bleiben könne. Das löste natürlich eine Diskussion los. Ich bekam unzählige schöne und private Nachrichten über die gemeinsame Zeit und das war auch innerlich der Abschluss, den ich mir gewünscht hatte. Und dann gab es noch das Headquarter und viele absurde Vorwürfe kamen an die Oberfläche. Diese bestätigten mir, dass ich dort nichts mehr verloren hatte und dass einige Mitgliederinnen ihre ungelösten Anteile vollkommen und blind auf mich projiziert haben. Wo so wenig Anerkennung und Wertschätzung für meine Person, mein künstlerisches Wirken und meine Energie ist, möchte ich nicht bleiben, obwohl ich es gegründet habe. Ich verstand nicht, dass genau diese Form von psychischer Zersetzung von einem neuen Headquarter Mitglied vollkommen gewollt war, um mich aus dem Weg zu bekommen. Das gleiche passierte dann ein paar Monate später mit meiner Kollegin. Und spätestens hier, wird das System deutlich und es ist kein Einzelfall oder Missverständnis mehr und trotzdem kam kein Aufschrei aus dem Verein. Wo blieb der?

Jetzt frage ich mich: Wem gehört BLUESPOTS PRODUCTIONS? Wem gehört ein ‘gemeinnütziger’ Verein? Was passiert, wenn die Leitung rausgeekelt wird, weil andere das Ruder an sich reißen wollen? 

Ich weiß, dass ein Verein von seinen Mitglieder*innen getragen wird. Ich weiß aber auch, dass ich den Verein gegründet, großgezogen, institutionalisiert und bekannt gemacht habe. Nach sieben Jahren in der Leitung ging ich damals für ein paar Jahre weg vom Ensemble, um Solo im Ausland zu arbeiten. Es zeigte sich, dass ich rausgewachsen war für den Moment. Gemeinsam beschlossen wir auf Klausur, dass ich gehen werde. Das war damals ein guter Abschied. Ein eingeleiteter Übergang. Als ich 2021 mit meiner Tochter nach Augsburg zurückkam, übernahm ich zögernd wieder die Mitverantwortung für ein fast totes Ensemble. Die damalige Leitung hatte sich fast komplett zurückgezogen, die Corona Jahre waren hart, Bluespots hatte kein künstlerisches Profil mehr, weshalb uns die institutionelle Förderungen fast wieder entzogen worden wäre. 

Ich pumpte nochmal unfassbar viel Lebenskraft und künstlerisches Wollen in das Ensemble. Erst mit kleinen Projekten wie SIEBEN und SAUNAH und schließlich mit dem Projekt: HOUSE OF NEW REALITIES, das enorm im Umfang war. Endlich waren wir wieder sichtbar in der Stadt und vor allem hatten wir ein großartiges und neues Netzwerk geschaffen mit vielen neuen und tollen Menschen. 

Und das sage ich nicht, weil ich mich hier aufblasen will, sondern weil ich zum eigentlichen Punkt dieses Blog-Eintrages kommen will: Du wirst nicht raus gemobbt, wenn der Verein unten ist. Da bekommst du ‘Wertschätzung’ und ‘Dankbarkeit’. Nur, wenn der Laden läuft, dann musst du aufpassen. Dann will plötzlich jemand deine Position, deinen Wirkungskreis und deine Strukturen für sich benutzen. Da wird es gefährlich und da zeigen sich dann auch die eigentlichen Werte und für was Menschen stehen. Da ist es wichtig hinzuschauen und sich nicht einzureden, dass ja alle nur das Beste für den Verein wollen. Manche wollen tatsächlich einfach Einfluss und Macht und gehen über Leichen. Das klingt so sichtbar, aber ist es im Moment, in dem es passiert, oft nicht. Trotzdem ist ein Kompass, den man anlegen sollte: Geht es mehr um die Menschen, oder um die ‘Sache’. Denn wenn es nicht mehr um die Menschen geht in einem Verein, dann biegt man falsch ab. 

Ich bin nicht frei von Fehlern. Ich habe viele Lernprozesse durchlaufen müssen und habe noch viele vor mir. Mit meiner Tochter habe ich einen kleinen Spruch, wenn etwas schief läuft und sie sich ärgert. Dann sage ich: Fehler…und sie sagt lächelnd: passieren. 

Es geht mir nicht um Gerechtigkeit oder eine Loyalitäts Frage. Ich weiß, dass die Welt multiperspektivisch, traumatisiert und egozentriert ist, aber ich möchte gerne ein Verständnis für das System dahinter schaffen. Warum werden Menschen wie Leif, Simson oder ich so abgesägt, obwohl wir jeden erdenklichen Grundstein gelegt haben? Warum kann es da keinen besseren Übergang geben? Warum melden sich die Mitglieder*innen nicht zu Wort? Warum besteht ein Verein oder Ensemble einfach weiter, während die Gründer*innen emotional verletzt ausgestoßen werden? Wem gehört ein Verein? Oder besser gefragt: Zu wem gehört er? 

Ich habe für kein anderes Projekt in diesem Leben so viel Zeit, Energie, künstlerische Integrität, harte Arbeit und Liebe gegeben. Und ich werde das auch nicht mehr tun, weil diese Gründungsjahre dem Sturm und Drang gehören und ich meine Wunde leuchten spüre. Ich wollte und habe jahrelang einen Ort geschaffen, der von Gemeinschaft, Kunst und Integrität getragen war. Der sogar finanziell aufblühte. Der Preise gewann. Der ein unfassbar mutiges Publikum erschlossen hatte. In dem sich viele Mitglieder*innen künstlerisch verwirklichen konnten. Und ich ärgere mich, dass es manchmal reicht, dass man eine falsche Person (im doppelten Sinne des Wortes) ins Ensemble holt, die dann alles demontiert. 

Und dieser Person wird Macht gegeben, weil sie in den anderen den Unmut spiegelt, der auch Teil eines Alltages ist. Aber das ist der erste Sargnagel und die anderen folgen ganz automatisch. Denn wenn man sich auf den Tod und alles Schlechte konzentriert und seine Macht nur erhalten kann, indem man alle anderen raus mobbt statt gemeinsam zu erschaffen, dann geht es nicht lange gut. Dann geht es um Macht und nicht um ein Miteinander.

Und noch eine letzte Anmerkung. Ich dachte lange, dass ich das Schweigen der Anderen ertragen kann. Aushalten muss. Keine Stellungnahme erzwingen kann. Und das mag auch alles stimmen, aber an alle, die einfach weitermachen und so tun, als sei nichts passiert: Ich sehe euch. Und mein Vertrauen und meine Wertschätzung bekommt ihr nicht. Die Vergangenheit gehört aufgearbeitet. Im Kleinen und im Großen. Der Rest ist feige. Und wer sich einredet selber keine Stimme darin zu haben, der hängt seine Verantwortung an den Nagel.

Wem gehört ein Verein ist meine Ausgangsfrage.

Und wenn die Antwort darauf ist; den Mitglieder *innen, dann sind diese in der Verantwortung Fragen zu stellen, Transparenz zu fordern, bei der Aufarbeitung zu helfen, beide Seiten zu hören und mitzuentscheiden. Sonst müssen wir langsam Angst von Vereinen bekommen, weil sie mikropolitische, undemokratische und oft ideologische Plattformen sind, wo nichts aufgearbeitet wird, weil ein paar die Macht wollen und die anderen eine Plattform.


*Leif und Simson sind beide mit der Namensnennung hier einverstanden.



Petra Leonie Pichler